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Bericht von Katrin Winter: „Ein-Dollar-Brille“-Aktion in Bolivien

Katrin Winter, die Tochter des Bremer Augenarztes  Dr. Martin Winter, verbringt ein Jahr in Bolivien im Rahmen ihres freiwilligen sozialen Jahrs. Hier ihr Bericht:

 

Über das weltwärts-Programm des BMZ mit der Organisation: Deutsches Rotes Kreuz Hessen Volunta gGmbh habe ich die Möglichkeit bekommen, ein Jahr in Bolivien zu verbringen. Meine Partnerorganisation in Bolivien ist Hostelling International Bolivien (HI-Bolivia).

Am 13. August bin ich in Santa Cruz de la Sierra, der größten Stadt Boliviens, angekommen. In den darauffolgenden Tagen ging es für mich in die Hauptstadt, Sucre, wo ich erfolgreich mein Arbeitsvisum für das Jahr beantragt habe. Hauptsächlich werde ich in einem kleinen Dorf namens Sopachuy arbeiten: vormittags in einer Vorschule und nachmittags in einem Krankenhaus. Im Krankenhaus werde ich für einfache Tätigkeiten eingesetzt, wie zum Beispiel die Vital-Werte bestimmen. Im Vordergrund meiner Berichte wird meine Mitarbeit in der Initiative: „One dollar glases“, oder wie es hier heißt „Lentes al Instante“ (Sofortbrille) stehen.

Um an der Initiative mitwirken zu dürfen, nahm ich an einer fünftägigen Ausbildung in Santa Cruz de la Sierra teil. Fast alle 35 Mitfreiwilligen meiner Organisation hatten großes Interesse, an der Initiative teilzunehmen. Leider konnten bei der ersten Ausbildung nur 9 von uns teilnehmen, doch über das Jahr verteilt wird es noch mehr Ausbildungsmöglichkeiten geben. Ich hatte das Glück, gleich an der ersten Ausbildung teilnehmen zu dürfen.

Während der ersten 3 Tage in Santa Cruz hat uns ein Professor den theoretischen Teil unserer Arbeit näher gebracht. Angefangen bei „Wie bricht Licht“ über Ametropie/Fehlsichtigkeit bis hin zu Augenerkrankungen hat uns der Professor ein gutes Basiswissen vermittelt. Mein Vater hatte mir in Deutschland schon durch viele Versuche und Beispiele dieses Basiswissen beigebracht, jedoch war es sehr hilfreich dieses durch die Wiederholung zu festigen. Außerdem hat es mir geholfen, dass die Ausbildung auf Spanisch war, denn wenn ich mich mit den Patienten auf Spanisch unterhalte, ist es gut die Fachbegriffe nicht nur auf deutsch und englisch zu kennen. Viele Begriffe kann man ableiten, wie zum Beispiel Pupille – die heißt auf Spanisch pupila. Jedoch gibt es auch wichtige Vokabeln wie „die Linse“, welche auf Spanisch „cristalino“ heißt.

Am Ende des theoretischen Teils haben wir geprobt, wie man die Sehstärke durch Tests bestimmt. Dafür hat sich ein anderer Freiwilliger mit einer Sehtesttafel 4 m von mir entfernt hingestellt und hat mit mir den Sehtest auf Spanisch durchgeführt. Danach haben wir die Rollen gewechselt und ich habe mit ihm den Sehtest durchgeführt. Mein Mitfreiwilliger konnte alles perfekt sehen, ich konnte die letzte Zeile mit dem rechten Auge nicht mehr erkennen, sodass mein Mitfreiwilliger mir am Ende eine Brille mit -0,5 D  auf der rechten Seite gegeben hat, mit der ich alles perfekt erkennen konnte. Das entspricht auch den Dioptriewerten in meiner Brille von Zuhause. Zwar habe ich auf dem linken Auge auch eigentlich -0,25 D, jedoch sind die Tests, die wir durchführen, nicht so genau, wie die Tests im Augenzentrum Mitte. Beim Test in der Nähe konnten wir alles gut erkennen, wir brauchen also noch keine Lesebrille :-)

Am darauffolgenden Tag haben wir mit Patienten arbeiten dürfen. In 2er Gruppen haben wir die Sehtests mit Patienten durchgeführt und am Ende die Brille mit der korrekten Stärke herausgegeben. Vielen Patienten konnten wir nur etwas helfen, da sie zusätzlich eine  Hornhautverkrümmung hatten. Die Brillengläser von Lentes al instante können nur die Fernwerte und nicht eine Hornhautverkrümmung ausgleichen. Für eine Brille, welche die Hornhautverkrümmung ausgleichen kann, müssen die Patienten zu einem Augenarzt gehen. Das gleich gilt, wenn wir erkennen, dass die Patienten andere Augenerkrankungen  (wie einen grauen Star) haben. Jedoch können sich viele Patienten es sich nicht leisten, zum Augenarzt zu gehen, da es keine gesetzliche Krankenkassen gibt.

Das Ziel von Lentes al Intante/One dollar glases ist es, Menschen weltweit und dauerhaft mit günstigen, vor Ort produzierten Brillen zu versorgen. Laut einer Studie der WHO bräuchten mehr als 700 Millionen Menschen eine Brille, können sich aber keine leisten. Diese Menschen können nicht arbeiten und Kinder und Jugendliche können nichts lernen. Die EinDollarBrille besteht aus einem extrem leichten, flexiblen und stabilen Federstahlrahmen und vorgeschliffenen Gläsern aus Polycarbonat. Die Materialkosten, inklusive Gläser, liegen bei rund 1 US-Dollar. Verkauft wird sie für 2-3 ortsübliche Tageslöhne. Damit ist die Brille bezahlbar – auch für sehr arme Menschen. Arme Menschen haben oft nicht das Geld, um in die Stadt zu reisen und dort eine Brille zu kaufen. Deshalb fahren wir mit dem Projekt in die kleinen Dörfer. Die Sehprobetafel wird an einen Baum oder ähnliches gehängt und die Menschen getestet. Gleich im Anschluss bekommen sie die passende Brille – die schnellste Brille der Welt. (www.eindollarbrille.de)

 

Am letzten Tag durften wir zur Produktionsstätte der Brillen fahren und selber welche biegen. Das geht mit einer einfachen Biegemaschine, welche in eine Holzbox von 30 x 30 x 30 cm passt. Die Produktion von einer Brille dauert bei geübten Mitarbeitern nur ca. 15-20 Minuten.

Durch die Initiative werden zusätzlich Arbeitsplätze im eigenen Land geschaffen. Es werden Menschen eingestellt, welche die Brillen anfertigen, andere die mit den Patienten arbeiten, welche die Neulinge wie uns ausbilden und dann noch Koordinatoren für jeweilige Bereiche. Die Hauptakteure in Bolivien, die ich in Santa Cruz kennenlernen durfte, waren:

  • Max Steiner, er arbeitet ehrenamtlich und ist der Leiter von Lentes al Instante Bolivia. Er entwickelt Konzepte, initiiert deren Umsetzung, hält Kontakt mit Gesundheitsbehörden, sowie Roten-Kreuz Organisationen und Rotary-Global-Grant und versucht Firmen für Programme in sozialer Verantwortung zu gewinnen. Als Gründer meiner Partnerorganisation Hostelling International Bolivia (HIB) ist Lentes al Instante eines seiner sozialen Projekte. Das Team um ihn herum besteht aus 6 Hauptakteuren.
  • Arturo Zamorano repräsentiert die HIB-Stiftung und ist der Koordinator für das Departement Chuquisaca und Altiplano.
  • Rider Zamorano C. ist der lokale Koordinator von Lentes al Instante im Tiefland Santa Cruz.
  • Doña Paty kümmert sich um die Lagerhaltung sowie um die Brillengläser-Bereitstellung.
  • Franz Salar ist der Leiter der Produktion der Brillen.
  • Lic. Nacira Flores kümmert sich um die Buchhaltung, sowie um die Finanzen und Administration.

Insgesamt hat mir die Ausbildung sehr viel Spaß gemacht und ich freue mich schon sehr bei einer weiteren Kampagne mitarbeiten zu dürfen.


 

In diesem Monat durfte ich bei einer Kampagne von Lentes al Instante mitmachen. Bei einer Kampagne mitzumachen bedeutet, mit einem Team von 5 bis 7 Personen an einen oder mehrere Orte zu fahren und dort den Patienten Brillen anzupassen. Das wichtige dabei ist, dass wir die Brillen innerhalb von wenigen Minuten fertig stellen. Das erleichtert Patienten, welche von entfernten Dörfern kommen und teilweise Stunden zu den Kampagnen laufen, den Kauf einer Brille. Im Durchschnitt verbringen die Patienten bei uns 30 bis 40 Minuten, wenn man von der Wartezeit absieht.

Die erste Woche unserer Kampagne haben wir in Sucre gearbeitet. In der zweiten Woche waren wir in zwei verschiedenen Dörfern in der Nähe von Sucre. Davon waren wir 4 Tage in Padilla und 2 Tage in Alcala. An den jeweiligen Orten haben uns die Krankenhäuser das Auditorium oder einen anderen großen Raum zur Verfügung gestellt.
Unser gesamtes Material besteht aus circa sechs Kisten. In diesen sechs Kisten ist alles, was man braucht, um den Menschen Brillen anzupassen. Das ist sehr praktisch, da man so das gesamte Material im Reisebus oder im Pick-up Truck mitnehmen kann.

Der Ablauf als Patient ist folgendermaßen:

Zuerst registriert man sich an der Anmeldung.  Dort bekommt ein Papier, mit dem man zu der zweiten Station geht. Dieses Papier ist sozusagen die Kartei des Patienten. Darauf werden die Werte, sowie die Brillengröße, evtl. Krankheiten und Referenzen notiert.
Bei der zweiten Station werden die Augen vermessen. Dabei fragen wir die Patienten zu allererst, was ihre Beschwerden sind, bzw. wofür sie eine Brille brauchen, für die Nähe oder für die Ferne.
Um die Brillenstärke für die Nähe herauszufinden, benutzen wir ein Blatt, auf welchem ein Text steht. Der Text wird mit jeder Zeile ein Stück kleiner. Die meisten Patienten können ohne Brille nur die Hälfte der Zeilen lesen. Für Patienten, die lesen nicht gelernt haben, benutzen wir einen Test mit Figuren: Quadrat, Dreieck, Haus und Kreis. Wenn die Patienten auch diese Symbole nicht kennen, arbeiten wir mit Bildern. Auf einem dieser Bilder ist eine Frau die näht abgebildet. Während die Patienten das Bild anschauen probieren wir die verschiedenen Brillengläser aus und fragen, mit welchen Gläsern sie das Bild am besten sehen können. Viele Frauen beklagen sich darüber, dass sie den Faden nicht mehr in die Nadel einfädeln können. Um dieses Problem zu simulieren und um am Ende den Erfolg der Brille zu messen haben wir Nadel und Faden dabei.
Für den Test der Ferne hängen wir eine Sehtafel in 4 Meter Entfernung auf. Da viele Patienten nicht die Buchstaben oder Zahlen kennen, benutzen wir den E-Haken-Sehtest. Es handelt sich dabei um ein Sehzeichen in Form eines großen E, wobei alle Balken gleich lang sind. Dieses E kann in vier verschiedene Seiten zeigen: rechts, links, oben und unten. Auf der Sehtafel werden die Sehzeichen, genau wie bei dem Test für die Nähe, mit jeder Zeile ein wenig kleiner. Der Test läuft folgendermaßen ab: Ich zeige auf eines der Sehzeichen und der Patient zeigt mir mit seiner Hand, in welche Richtung dieses Sehzeichen geöffnet ist. Es ist wichtig, dass der Patient die Richtung mit seiner Hand anzeigt, da viele Patienten links und rechts verwechseln, das Symbol aber sehen können. Sobald 3 von 5 Sehzeichen richtig gesehen wurden gilt die Linie als bestanden und man testet die Linie darunter. Man testet bis der Patient mehr als 3 Sehzeichen falsch hat oder er von alleine sagt, dass er die Symbole nicht mehr erkennen kann.

Wir haben keine Maschinen, mit denen wir die Augen ausmessen können. Wir vermessen die Augen, indem wir einen Stab benutzen, an dem sich alle verschiedenen Linsen befinden. Ein Stab mit negativen Linsen, also für Kurzsichtigkeit und einen Stab mit positiven Linsen für Alterssichtigkeit und Weitsichtigkeit.
Zu erst führen wir einen Test durch, wie gut die Sehkraft der einzelnen Augen ohne Brille ist. Das bedeutet, wir schauen, bis zu welcher Zeile der Patient die richtigen Antworten gibt. Danach bitten wir den Patienten, ein Auge mit seiner Handfläche abzudecken. Auch hier schauen wir, bis zu welcher Zeile er die richtigen Antworten gibt. Mit dem anderen Auge das gleiche. Diese Werte notieren wir auf der Kartei. Daraufhin probieren wir die verschiedenen Linsen aus. Bei der Ferne fangen wir mit den positiven Linsen an, wenn diese die Sicht des Patienten verschlechtern, probieren wir die negativen Linsen aus. Meist verbessert ein Typ der Linsen die Sicht. Um die richtige Brillenstärke zu finden, fragen wir ob die jetzige Linse besser ist oder die vorherige. Mit dem Verfahren finden wir Augen für Auge die Linse, welche dem Patienten am meisten hilft und notieren, bis zu welcher Linie der Patient mit der Bille sehen kann. Am Ende setzen wir dem Patienten die Brille auf und schauen, ob er zufrieden ist und sich das Gesamtergebnis verbessert hat.

Wenn die ganzen Linsen die Sicht nur verschlechtern, handelt es sich meist um eine Hornhautverkrümmung.

Unsere sphärischen Linsen können nur Kurz-, Weit-und Alterssichtigkeit korrigieren. Menschen mit einer Hornhautverkrümmung benötigen zylindrische Linsen. Leider besitzen wir diese Art der Linsen nicht.
Zudem wird noch die Größe des Brillengestells notiert. Die Größe ist abhängig von der Entfernung der Pupillen. Meist setzen wir dem Patienten zu Anfang eine Brille mit der Größe M auf und schauen, ob sich die Pupillen des Patienten im Zentrum der Linse befinden. Falls nicht nehmen wir ein Brillengestell größer oder kleiner. Auch diese Größe des Gestells wird auf der Kartei notiert.

Nachdem die richtige Sehstärke und Größe des Gestells gefunden wurde, gehen die Patienten zur dritten und letzten Station. Dort geben sie ihre Kartei ab und suchen sich die Farbe der Brille aus. Die Mitarbeiter an dieser Station setzen daraufhin die Brillengläser ein und führen noch einen letzten Test durch, ob die Brille den notierten Erfolg bringt und den Patienten zufrieden stellt. Ist dem so, werden die bisher geraden Bügel gebogen. Das macht man, in dem man die Entfernung hinter dem Ohr misst, um so die Bügel individuell anzupassen. Nachdem die Brille fertig ist, wird noch ein Foto mit der neuen Brille geschossen und bezahlt.

Normalerweise kostet jede Brille 80 Bolivianos, das entspricht circa 10€. Bei Kampagnen werden ab und zu Rabatte vergeben, sodass die Brille zum Beispiel für Kinder kostenlos ist und für Senioren über 60 Jahre nur die Hälfte nämlich 40 Bolivianos oder umgerechnet 5€ kostet.

Obwohl die Preise im Vergleich zu den Preisen beim Optiker viel niedriger sind, können einige Patienten das Geld nicht aufbringen. In solchen Ausnahmefällen haben wir die Möglichkeit die Brillen dank Donationen von Unternehmen oder Einzelpersonen zu verschenken.

Insgesamt wurden bei der zweiwöchigen Kampagne 1460 Brillen vergeben und davon 1185 Brillen verkauft. Die Differenz von 275 sind entweder Brillen für Kinder oder gesponserte Brillen für Erwachsene. Leider haben wir nicht immer die Möglichkeit die Brillen für Kinder kostenlos oder Rabatte für Senioren zu vergeben. Das hängt davon ab, wie viel Geld wir von Unternehmen oder Einzelpersonen gesponsert bekommen.

Die zwei Wochen Kampagne waren sehr anstrengend, aber auch sehr interessant und schön. Es macht mich sehr glücklich, wenn die Patienten am Ende mit einem Lächeln und einer neuen Brille nach Hause gehen. Eine Patientin meinte zu mir, als ich ihr die fertige Brille aufgesetzt habe: „Die Welt sieht auf einmal wunderschön aus, davor war alles nur verschwommen“. Solche Momente machen mich unglaublich fröhlich. Ich bin sehr dankbar dafür, bei dem Initiative Lentes Al Instante mitarbeiten zu dürfen.

 

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Die starke Sonne in Bolivien
Als Tourist ist das Wetter im Westen Boliviens ein Traum: Die Sonne scheint im blauen
Himmel und trotzdem erscheint einem das Wetter nicht unerträglich warm. Das liegt
zum einen an der Höhe von ca. 2000m und zum anderen an einem leichten Wind. Man
kann unbeschwert in T-Shirt und langer Hose den Tag verbringen. Wandert man den
ganzen Tag oder ist man den ganzen Tag den Sonnenstrahlen ausgesetzt, merkt man
jedoch die unglaubliche Kraft der Sonne. Denn sobald man in den Spiegel schaut, sieht
man wie rot die Haut vom Sonnenbrand ist, obwohl es doch nie so warm war.
Die Sonne sorgt nicht nur für verbrannte Haut, sondern kann auch viel Schaden in den
Augen anrichten. Doch diese Schäden entstehen meist nicht innerhalb des Aufenthaltes
eines Touristen. Die Bewohner jedoch, welche tagtäglich diesen starke Strahlungen
ausgesetzt sind, müssen oft unter diesen Schäden leiden. Dabei ist die UV-Strahlung in
Bolivien um einiges stärker als in Deutschland. Die gesundheitlichen Risiken für die
Menschen in Bolivien sind somit enormer als in Deutschland, insbesondere in den
Andengebieten. Das zeigt sich in den Krankheitsbildern der Patienten bei „Lentes Al
Instante“. Die enorme UV-Einstrahlung verursacht bzw begünstigt mitunter drei
Krankheitsbilder: Trockene Augen, Pterygium und den grauen Star.

Trockene Augen
Trockene Augen sind sehr verbreitet. Die Augen werden als schmerzend, juckend und
unangenehm reibend empfunden. Dabei gibt es sehr viele Ursachen für trockene Augen,
insbesondere in Bolivien, denn dort kommen viele Faktoren zusammen. Zum einen trägt
der Wind und der darin enthaltene Staub zu den trockenen Augen bei, aber auch die
starke UV-Einstrahlung ist eine der Ursachen.
Den Patienten, die mit trockenen Augen zu uns kommen, können wir leider nicht helfen.
Denn wir sind keine Augenärzte, nur technische Assistenten. Wir dürfen keine Art von
Augentropfen empfehlen oder gar verschreiben. Dafür müssen die Patienten zum Arzt
gehen. Das Einzige, was wir den Patienten empfehlen können ist, sich eine Sonnenbrille
zu kaufen.

Pterygium
Ein Pterygium oder auch Flügelfell genannt ist eine gutartige Wucherung der Bindehaut.
Zuerst fällt das Flügelfell nur durch ein Fremdkörpergefühl auf. Bei weiterem Wachstum
kann es jedoch die Sehschärfe beeinflussen. Die operative Entfernung kann hier im
Krankenhaus in der Stadt vorgenommen werden.
Verschiedene Faktoren begünstigen das Wachstum vom Flügelfell. Ein häufiger Faktor
ist jedoch die UV-Einstrahlung, welche die Zellen zerstört, die dafür sorgen, dass die
Bindehaut nicht in das Auge wächst. Die Patienten, welche mit einem Flügelfell zu uns
kommen, weisen wir auf ihre Krankheit hin und schicken sie zum Augenarzt. Auch ihnen
empfehlen wir, sich eine Sonnenbrille zu kaufen.

grauer Star:
Der graue Star, auch Katarakt genannt, ist eine der häufigsten Augenerkrankungen.
Dabei handelt es sich um eine Trübung der Linse. Viele ältere Patienten in unserem
Projekt leiden unter grauem Star. Die Operation ist meist zu teuer für Patienten. Studien
zeigen eine starke Wechselbeziehung zwischen starker UV-Einstrahlung und der
Erkrankung. Wir können den grauen Star nicht heilen, nicht mal verbessern. Das Einzige,
was wir den Patienten anbieten können sind Sonnenbrillen, dass die Augen nicht noch
schlechter werden.

Nur die wenigsten Bolivianer tragen Sonnenbrillen. Meiner Beobachtungen nach trägt
fast keiner eine Sonnenbrille in den Dörfern. In den Städten sieht man häufiger
Menschen mit Sonnenbrillen, jedoch nicht so viele, wie eigentlich nötig wäre. Die
Gefahren der starken UV-Strahlen sind noch nicht im Bewusstsein der bolivianischen
Bevölkerung. Der Großteil der Bevölkerung trägt zum Schutz vor der Sonne einen Hut.
Das schützt die Augen vor den direkten UV-Strahlen, jedoch schützt der Hut die Augen
nicht vor den reflektierten UV-Strahlen von zum Beispiel der Straße.

Ich persönlich kann bei starker Sonne ohne Sonnenbrille nicht herausgehen. In
Deutschland bin ich nicht so lichtempfindlich, daran merkt man, dass die Strahlung hier
um einiges höher ist. Die Sonnenstrahlen werden hier so stark reflektiert, dass meine
Augen sofort weh tuen, sobald ich draußen bin. Im Schatten ist es auszuhalten, jedoch
spürt man die starke Kraft der Sonne auch dort.

Wir bei Lentes Al Instante versuchen auf die Risiken der UV-Strahlen hinzuweisen und
verkaufen Sonnenbrillen mit UV-Schutz. Wenn sich jemand für eine Sonnenbrille
interessiert, erklären wir die Wichtigkeit des UV-Schutzes. Denn auf den Märkten in der
Stadt gibt es Sonnenbrillen schon für sehr wenig Geld, doch diese Sonnenbrillen besitzen
keinen UV-Schutz. Sonnenbrillen ohne UV-Schutz sind sehr schädlich für die Augen.
Zwar sorgen die dunkeln Gläser für einen Blendeschutz und suggerieren so, dass unsere
Augen geschützt seien, in Wirklichkeit passieren jedoch die schädlichen UV-Strahlen das
Glas und gelangen ins Auge. Folge von diesen Sonnenbrillen ohne UV-Schutz können oft
Bindehaut- und Hornhautentzündungen, sowie Kopfschmerzen und Augenbrennen sein.
Wir garantieren UV-Schutz in unseren Sonnenbrillen. Dabei haben wir zwei
verschiedene Preise: die einfachen Sonnenbrillen kosten, wie auch die normalen Brillen
80 bs, also circa 10 Euro und die etwas schickeren Sonnenbrillen kosten 120bs, also
circa 15 Euro.
Zwar ist die Nachfrage nach Sonnenbrillen nicht sehr hoch, doch ich hoffe, dass
wenigstens die Wichtigkeit des Tragens einer Sonnenbrille zum Schutz der starken UV-
Strahlung durch das Projekt mehr in das Bewusstsein der Bevölkerung gerückt wird,
insbesondere um die Krankheiten vorzubeugen.

 


Interkultureller Austausch zwischen OneDollarGlasses Mitarbeitern

 

Auch bei Lentes Al Instante war über Weihnachten frei. Die letzte Kampagne fand vom 5. bis zum 8 Dezember in einem Dorf namens Zudanez  und vom 11. bis zum 14. Dezember in Tomina statt. Beide diese Dörfer liegen ungefähr auf der Mitte zwischen meinem eigentlichen Einsatzort, Sopachuy und der Hauptstadt Sucre. Danach ging es für mich auf Reisen.

Jetzt im neuen Jahr werde ich noch mehr bei den Kampagnen eingesetzt, denn ich wurde ins Kernteam aufgenommen. Normalerweise sind die Freiwilligen aus Santa Cruz im Kernteam, doch da diese kein Interesse mehr an den Kampagnen hatten, wurde ich ins Team geholt. Mich freut das natürlich sehr.
Unsere erste Kampagne in dem neuen Jahr ging vom 29. Januar bis zum 2. Februar in der Nähe von Santa Cruz und auch die nächste vom 5.-9. Februar wird in der Nähe von Santa Cruz stattfinden.

Bei der letzten Kampagne hatten wir zwei Besucher aus Brasilien, die mit uns in der Kampagne gearbeitet haben. Die beiden Brasilianer sind involviert in OneDollarGlasses in Brasilien, welches dort „Ver Bem“ (Gut sehen) heißt. Seit 2014 gibt es „Ver bem“ in Brasilien. „Brasilien ist zwar kein Entwicklungsland. Dennoch haben große Teile der Bevölkerung keinen Zugang zu augenoptischer Versorgung. Das liegt zum einen an der extrem ungleichen Einkommensverteilung, zum anderen an den komplizierten Gesetzen: Die Verschreibung einer Brille darf nur durch einen Augenarzt vorgenommen werden und ist teuer. Den Verkauf wiederum muss ein zertifizierter Optiker absegnen. Außerdem darf eine Brille nicht in Anwesenheit des Augenarztes verkauft werden, da dieser sonst auch am Verkauf mitverdienen könnte. Korruption ist in Brasilien weit verbreitet, die Gesetze sind für die Reichen gemacht. Arme Menschen haben bislang das Nachsehen.“ (Quelle: https://www.eindollarbrille.de/assets/content-images/Latest_News/Brasilien/ODG_Brasilien_MA_2016-03_11.pdf)
Diese Gesetze verkomplizieren die Arbeit für Ver Bem, denn sie müssen ihre Mitarbeiter als Optiker/ Optiker-Assistenten ausbilden lassen. Sie können nicht, wie bei uns in Bolivien, Freiwillige die Arbeit übernehmen lassen, welche eine einwöchige Ausbildung abgelegt haben. Doch auch in Brasilien versucht OneDollarGlasses eine augenoptische Grundversorgung zu schaffen.
In Kooperation mit Augenärtzen wurde einen Optikbus finanziert, mit dem Augenärzte mobil werden. Sie fahren an die Orte von Ver Bem und vermessen den Patienten die Augen, die sich danach ein paar Meter weiter, örtlich getrennt (laut Gesetz notwenig) ihre OneDollarBrille abholen können. Da dieser Optikbus und damit auch die Kampagnen rund um Sao Paolo stattfinden und so eine sehr gute Infrastruktur gegeben ist, ist es ihnen möglich auch zylindrische Brillengläser zu vergeben. Das bedeutet, dass auch Patienten mit einer Hornhautverkrümmung eine OneDollarBrille bekommen können. Der einzige Nachteil ist, dass die Brillen nicht wie bei uns „Al Instante“ (sofort) verfügbar sind. Die zylindrischen Linsen werden erst in einem Labor hergestellt, zu dem Projektort transportiert und dann erst kann der Patient die Brille in Empfang nehmen. Natürlich verfügen sie auch über sphärische Linsen, welche für Weit-/Kurz- und Alterssichtigkeit eingesetzt werden. So können sie einem großen Prozentteil der Patienten, die zu ihnen kommen helfen.

Ein sehr interessantes Konzept meiner Meinung nach. Leider ist das bei uns in Bolivien nicht umsetzbar, zwar gibt es schon Gespräche mit Produktionsstätten, welche zylindrische Linsen herstellen könnten, jedoch sind die Wege, die wir mit der Kampagne zurücklegen zu groß, sodass die Umsetzung bisher kaum möglich ist. Oft sind Kampagnen mehr als 20h Busfahrt von Santa Cruz entfernt.
Außerdem verfügen wir bisher noch nicht über genügen automatische Messmaschinen (Autorefraktoren), um die zylindrischen Werte zu bestimmen. Das liegt zum einen an der Finanzierung, jedoch unter anderem auch daran, dass die Maschinen sehr sensibel sind und bei den schlechten Straßenverhältnissen nicht sicher zu den Kampagnenorten transportiert werden könnten. Ein weiteres Problem wäre, dass die Maschinen die großen Höhenunterschiede nicht verkraften würden. Santa Cruz zum Beispiel liegt auf einer Höhe von 440m und Sucre liegt schon auf 2810m. Zwar besitzen wir ein tragbares Messgerät (Plusoptix), welches jedoch nur bei Kindern und Jugendlichen angewendet werden kann. Auch die Bedingungen zum Messen, wie z.B. ein dunkler Raum, sind nicht immer gegeben.
Mal schauen was sich für Ideen in den nächsten Jahren entwickeln werden.
Insgesamt war der interkulturelle Austausch zwischen OneDollarGlasses Mitarbeitern sehr interessant und bringt immer neue Verbesserungsideen.

 

 


Steht Lentes Al Instante in Konkurrenz mit den Optikern und Augenärzten?

Diese Frage ist völlig berechtigt und auch ich habe mir darüber viele Gedanken
gemacht.
Es gibt in Bolivien relativ viele Optiker und Augenärzte. Nun könnte man kritisieren, dass
wir denen mit unseren Kampagnen und den "Mini-Optikas" die Arbeit wegnehmen, bzw.
mit ihnen in Konkurrenz stehen, jedoch ist das wenn dann nur Minimal der Fall.
Insbesondere die Bevölkerung auf dem Land und in den Dörfern kann sich keine Brille
vom Optiker leisten. Eine Brille beim Optiker kostet circa 800bs, doch einige Menschen
müssen mit nur 300bs im Monat auskommen, da bleibt die Gesundheit der Augen
zurück. Lieber gewöhnen sie sich an ihre Fehlsichtigkeit, als dass sie ihr erspartes Geld
für Brillen ausgeben. Eine weitere finanzielle Hürde ist der Weg in die nächst größere
Stadt, denn Augenärzte und Optiker gibt es nicht in den Dörfern. Aufgrund
unzureichender Infrastruktur und den riesigen Entfernungen in Bolivien würde die
Anreise zum Augenarzt viele Stunden bis Tage dauern. Selbst wenn sie dann zum
Optiker gingen, müssten sie weitere Tage warten, bis sie ihre Brille abholen können. So
wäre der Weg zu einer Brille sehr teuer und würde Tage bis Wochen dauern und so
lange bei der Arbeit zu fehlen nimmt fast keiner in Kauf.
Für viele Patienten, die zu uns kommen, ist es das erste Mal, dass jemand ihre Augen
vermisst/anschaut, aufgrund genau dieser Hürden. Mit unserem Team fahren wir auf die
Dörfer und ersparen den Patienten so einen großen Teil ihres Fahrtweges. Lentes al
Instante (LaI) ist ein soziales Projekt, sodass die Patienten nur 10% der eigentlichen
Kosten tragen. Der Rest wird über Spenden finanziert. Aufgrund dessen und dem Fakt,
dass unsere Brillen aus einem einfachem Federstahldraht gebogen werden, ist es uns
möglich die Brillen für ein zehntel des durchschnittlichen Optikerpreises anzubieten
(80bs). Außerdem können die Patienten die Brillen "al Instante" (sofort) mitnehmen und
müssen nicht tagelang warten. Wir haben alle sphärischen Linsen immer dabei und
können sie einfach in die Brillen einsetzen.

So helfen wir hauptsächlich den Menschen, deren Alternative "keine Brille" wäre.
Ein weiterer Faktor ist, dass die Menschen die sich eine Brille vom Optiker kaufen
könnten, dies meist auch tun, da sie bei dem Gestell wählerisch sind. Wir haben nur
Brillen mit dem einfachen Federstahlrahmen, wie man sie auch auf den Bildern sieht.
Menschen die sich eine Brille vom Optiker leisten können, möchten immer gerne eine
Brille mit einem festen Rahmen, wie wir sie auch aus Deutschland gewöhnt sind. Sobald
sie bei der letzten Station unserer Kampagne bemerken, dass wir diese Brillen mit fester
Umrandung nicht haben, sagen sie, dass sie wiederkommen, was bedeutet, dass sie die
Brille nicht haben wollen. Wir verweisen sie auch zum Optiker, wenn sie nach einem
„normalen“ Gestell fragen.
Da durch die Alterssichtigkeit fast alle Menschen im Alter eine Lesebrille brauchen,
könnte man sagen, das wir den Optikern in diesem Gebiet die Arbeit wegnehmen, denn
bei Lesebrillen sind die Menschen nicht so wählerisch wie bei einer permanenten Brille.
Doch auch das ist aus meiner Ansicht falsch, denn den Leuten ist der Optiker zu teuer,
daher kaufen sie sich irgendwo auf dem Markt eine Lesebrille, die zwar nicht

ausgemessen ist, aber irgendwie die Buchstaben größer und klarer macht. Die Brillen
aus dem Supermarkt haben auf beiden Augen immer die gleiche Stärke, dabei ist bei
der Mehrheit der Patienten, das eine Auge ein wenig anders als das andere. Häufig beklagen sich die Patienten mit
den Lesebrillen aus dem Supermarkt, dass sie von den Brillen Kopfschmerzen bekämen
(meist zu stark) oder sie immer noch nicht die Buchstaben klar sehen können. Das
bedeutet, dass die Menschen eher mit ungenügenden Brillen leben, als zum Optiker zu
gehen.


Da weder ich, noch meine Vorgesetzten bei Lentes al Instante eine Ausbildung oder
Studium zum Augenarzt oder Optiker haben, verweisen wir Patienten, bei denen wir ein
Krankheitsbild vermuten, zum Augenarzt. Wir arbeiten also mit den Augenärzten
zusammen. Ein großer Prozentteil der Patienten hat einen grauen Star, doch haben sie
davor noch nie von dieser Krankheit gehört. Indem wir sie darauf aufmerksam machen,
dass etwas mit ihren Augen nicht stimmt und sie zum Augenarzt gehen müssen, wird
ihnen die Dringlichkeit bewusst und sie nehmen eher den weiten und teuren Weg auf
sich.
Wie auch schon in den anderen Berichten beschrieben, besitzen wir keine zylindrischen
Brillengläser, mit denen man eine Hornhautverkrümmung korrigieren kann. Wenn wir
eine Hornhautverkrümmung vermuten und unsere Brillen die Sehleistung nicht
verbessern, leiten wir die Patienten auch zu einem Optiker weiter.
Unsere Hilfe ist also nicht komplett umfassend, jedoch können wir dem Großteil unserer
Patienten zu ihren oft ersten Brillen helfen. Doch wir konkurrieren kaum bis gar nicht mit
den Optikern, da diese eine andere Bevölkerungsgruppe ansprechen. Auch mit den
Augenärzten stehen wir nicht in Konkurrenz, wir helfen ihnen eher, indem wir Patienten
mit einer Bindehautentzündung, grauem Star, Pterygium oder einer anderen Auffälligkeit
zu ihnen schicken.

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Ausbildung neuer Freiwillige

Ein weiterer Schritt nach vorn. Ich wurde gefragt, ob ich Lust hätte weitere Freiwillige auszubilden. Denn sobald wir deutsche Freiwilligen im August nicht mehr in Bolivien sein werden, müssen die Mini-Optikas in den Dörfern weiterlaufen. Außerdem wie ich ja auch schon in einem der vorherigen Berichte beschrieben hatte, hatten sehr viele Freiwillige großes Interesse bei dem Projekt mitzumachen. Natürlich habe ich mich sehr geehrt gefühlt, dass ich gefragt wurde, ob ich auch einige Teile der Ausbildung vom 14 bis zum 16.02. gestalten wolle.

Da keiner der Mitarbeiter von Lentes Al Instante (LaI) eine richtige Ausbildung zum Optiker oder zum Augenarzt hat, finden die Ausbildungen immer in Kooperation mit einem Optiker-Ausbildungs-Zentrum oder einem professionellen Optiker statt. Diese erklären dann die physikalischen und medizinischen Gegebenheiten genauer als wir das können.

Doch was die zukünftigen Freiwilligen auch wissen müssen ist, wie wir mit unseren Mitteln die Sehstärke bestimmen können, wie wir die Brillen biegen und wie der Ablauf ist. Diese Teile haben wir „alten Hasen“ übernommen. Bevor der Optiker die expliziten Themen erklärt haben, haben ein anderer Freiwilliger und ich die Themen relativ simpel erklärt, sodass der Optiker auf einem Grundwissen aufbauen kann. Schließlich wurde uns damals auch von einem Optiker genau diese Dinge beigebracht. Wie bricht Licht bei einer konvexen oder einer konkaven Linse; Was ist Weit-/ Kurz- und Alterssichtigkeit; und was könnte dahinter stecken, wenn keine unserer Brillen weiterhelfen? So habe ich auch einige Krankheiten angesprochen, welche man kennen muss.

Tatsächlich hat mein Vater Recht mit dem Spruch: „See one, Do one, Teach one“. Denn dadurch, dass ich Freiwilligen mein erst „kürzlich“ errungenes Wissen teile, festigt sich dieses Wissen auch bei mir. Sobald man mit anderen sein Wissen teilt, all sein Wissen strukturiert und runterbricht, sodass es verständlich wird, wird einem selber noch vieles mehr klar. Außerdem hat sich mein Wissen erweitert indem ich vieles noch einmal nachgeschaut habe um sicherzugehen und um weitere Details zu lernen.

Außerdem war es sehr interessant den anderen Referenten zuzuhören. Der Präsident von LaI hat außerdem viel erzählt über den Umgang mit den Patienten, die richtige Präsentation des Projekts und Werbe- und Verkaufsstrategien. Da konnte ich auch noch einiges Aufschnappen.

Am Ende der Ausbildung haben wir eine kleine Kampagne organisiert, sodass die frisch ausgebildeten Theorie in Praxis umsetzen können. Immer zu zweit haben sie einem Patienten die Augen vermessen und „alte Hasen“ haben ab und zu über die Schulter geschaut und weitere Tipps gegeben.

Insgesamt ist die Ausbildung sehr gut verlaufen und die neuen Ausgebildeten unterstützen uns kräftig bei den laufenden Kampagnen. So hatten jetzt alle deutschen Freiwilligen die Lust auf das Projekt haben die Chance zu partizipieren.

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Premiere in der fünftgrößten Stadt Boliviens – Oruro

 

Oruro ist eine Stadt im Hochland des bolivianischen Andenmassivs und liegt auf einer Höhe von 3710 m. Mit etwa 264.683 Einwohnern ist Oruro damit die fünftgrößte Stadt Boliviens.

 

Normalerweise finden unsere Brillenkampagnen in dem Bundesland Chuquisaca oder Santa Cruz statt, doch jetzt haben wir vom 23.05. bis 31.05. eine Kampagne in den Außengebieten von Oruro durchgeführt. Gesponsert und koordiniert wurde die Kampagne von dem Rotary Club Oruro. Und auch das Gesundheitsministerium, SEDES, hat unser Projekt unterstützt. Jedoch unter strengen Auflagen. Die Bedingung war, dass wir einen professionellen Optiker mit im Projekt haben und außerdem die Augenärzte Oruro’s mitarbeiten dürfen. Wir sind nun einmal keine professionellen Optiker geschweige denn Augenärzte. Deshalb waren die Verantwortlichen der Augenarztkammer und des Gesundheitsamtes zuerst eher skeptisch.

Wir haben unser 10-köpfiges Team mit noch zwei Optikern aus La Paz verstärkt, welche allerdings bezahlt wurden im Gegensatz zu uns Freiwilligen. Die Zusammenarbeit mit den Optikern hatte allerdings meiner Meinung zwei Seiten. Auf der einen Seite war es sehr praktisch einen Professionellen dabei zu haben, der erstens mehr Wissen hat und auch mehr Geräte besitzt als wir. Denn so konnten wir alle, bei denen sich die Sicht mit unseren sphärischen Gläsern nicht verbessert hat, direkt zum Optiker schicken, sei die Ursache eine Hornhautverkrümmung oder eine Krankheit. Dieser Service war für unsere Patienten ohne Kosten und ohne Hürden des Weiterschickens an einen anderen Ort. Somit konnten wir vielen Menschen mit Astigmatismus wenigstens ihre Brillenwerte verschreiben, sodass sie bei einem Partner-Optiker in Oruro eine Brille kaufen können. Auch ältere Patienten mit Augenkrankheiten wurden auf ihre Krankheit aufmerksam gemacht und wissen durch unser Projekt nun, wie sie vorgehen müssen/können. Auch hat der Optiker Patienten jeden Alters mit Medikamentempfehlungen weiterhelfen können. An den Tagen, als die Augenärzte mit uns zusammen gearbeitet haben, haben diese auch Medikamente  ausgeteilt bzw. Rezepte geschrieben.

Auf der anderen Seite behaupte ich, dass wir im Gegensatz zu den Optikern besser mit den Patienten umgehen. Bei Menschen mit Astigmatismus bzw für die Ferne nicht unbedingt, jedoch sind die Verfahren des Optikers ganz andere als diese die wir anwenden. Der Optiker rechnet die Addition in Bezug auf das Alter aus und setzt ihm diese Werte vor. Daraufhin fragt er ob er jetzt besser sieht. Beantwortet der Patient dies mit „Ja“ ist die Brille, ohne weitere Nachforschungen gefunden. Auf beiden Augen das gleiche – fertig.
Im Gegensatz dazu setzen wir uns tatsächlich mit dem Patienten auseinander, kalkulieren zwar auch, was für eine Brillenstärke der Patient ungefähr brauchen wird, jedoch probieren wir alles aus. Ist es mit +2,0 besser, probieren wir trotzdem +1,75 und auch +2,25 aus um herauszufinden, mit welchem Glas der Patienten am allerbesten gucken kann. Dabei wird auch jedes Auge einzeln betrachtet. Ich würde es so beschreiben: mit der Brille des Optikers kann der Patient besser sehen, doch mit unserem Messverfahren kann er perfekt schauen (dies bezieht sich auf Patienten, welche keine Hornhautverkrümmung haben!).
Außerdem scheinen die Optiker, mit denen wir gearbeitet haben, die Patienten eher unpersönlich abzufertigen. Im Gegensatz dazu behandeln wir die Patienten jeden einzeln wie ein Individuum, welchem wir tatsächlich helfen wollen, so gut wir können, sodass sie wirklich zufrieden sind.

Menschen aus armen Verhältnissen, die es sich nicht leisten können, zum Optiker zu gehen, können wir auch helfen. Denn selbst wenn sie eine Hornhautverkrümmung haben, hilft ihnen eine rein sphärische Brille trotzdem schon teilweise viel weiter. Unsere Methode ist: verbessert sich die Sicht des Patienten um zwei Zeilen, können wir die Brille abgeben. Also probieren wir alles aus, was wir haben, sodass der Patient im Fall einer Hornhautverkrümmung zwar immer noch nicht 100% sehen kann, jedoch eindeutig mehr als ohne Brille. Der Optiker hingegen misst seine Werte für eine 100%ige Sicht aus und meint dann, dass unsere Brillen ihm nicht helfen würden. Womit er zum Teil recht hat, jedoch ist eine Brille die dir ein wenig hilft besser, als keine Brille.

Es war total nett und interessant mit den Optikern und Ärzten zusammenzuarbeiten, denn sie haben mir viel über Krankheiten, Unregelmäßigkeiten und Augenmessgeräte erklärt.

Da die Kampagne von dem Rotary Club Oruro gesponsert wurde, waren alle Brillen für die Patienten kostenlos und es gab einen riesigen Ansturm. Insbesondere in den letzten Tagen standen bestimmt 200 bis 300 Leute Schlange. Die Patienten haben mir erzählt, dass sie vor der Eingangstür übernachtet haben und seit 4:00 Uhr morgens in eisiger Kälte gewartet haben. Denn tatsächlich ist Oruro eine der kältesten Städte in Bolivien, insbesondere jetzt im Winter. In der Nacht gibt es Minustemperaturen und dazu ist dies aufgrund der Höhe eine sehr trockene Kälte. Am Tag wird es in der Sonne irre warm. Die Tag-Nacht Schwankungen sind somit sehr hoch.
Leider konnten wir nur circa 100 Personen am Tag refraktionieren, sodass viele ohne Brille wieder nach Hause gehen mussten.

In einer neuen Umgebung, einer anderen Kultur und einer gravierenden Kälte haben wir bei 911 Menschen die Sehstärke bestimmt und 707 Patienten mit Brillen helfen können. In einigen Wochen geht es zurück nach Oruro, jedoch dann in nahe gelegene Dörfer.

 

P.S.:
Auch die Zeitung war an dem neuen Projekt interessiert und hat einen Artikel über das Projekt verfasst:

http://www.lapatriaenlinea.com/?t=algo-ma-s-de-250-personas-con-problemas-visuales-recibieron-lentes&nota=320824

 

 


 

Kampagne im Gefängnis – Palmasola

 

Kriminellen eine Brille schenken? Definitiv ein Thema über welches man diskutieren kann. Für mich war es die interessanteste und eine der besten Erfahrungen in meinem Jahr hier, sowie auch in meinem Leben. Denn in so ein Gefängnis kommt man nicht einfach so als Tourist rein.

 

Das „Rehabilitationszentrum Palmasola“ ist kein normales Gefängnis, wie wir es aus Deutschland kennen. Früher galt Palmasola als das 10. gefährlichste Gefängnis der Welt. Denn Polizisten hatten in Palmasola nichts zu suchen. Das Gefängnis ist aufgebaut wie eine Stadt, es gibt Sportplätze, Tattoostudios, Friseure, Märkte, Restaurants und sogar eine Universität. Die Gefangenen haben ihre Familien nachgeholt, sodass unter anderem auch viele Kinder zwischen den Straftätern gewohnt haben. Geleitet wurde das Gefängnis von einem Regimen der Bandenbosse. Kämpfe und Morde gab es regelmäßig. Und keine Rechtsjustiz innerhalb. Über Palmasola in diesen Jahren damals gibt es auch viele Reportagen und Beiträge, falls Sie noch mehr über diese Zeit erfahren möchten.

In 2001 kam es zu Gefangenenprotesten, Hungerstreiks und Aufruhr, welche von der bolivianischen Polizei blutig niedergeschlagen wurde. Seit einigen Jahren herrscht nun mehr Ordnung und Sicherheit in Palmasola. Männer und Frauen wurden getrennt. Kinder bis 6 Jahren dürfen bei ihren Müttern wohnen, danach müssen sie raus. Am 14. März 2018 hat die Polizei interveniert, denn es herrschte ein Terror-Regimen ohne jegliche Kontrolle der Polizei. Bei dieser Intervention gab es sieben Tote und 26 Verletzte. Der Bandenboss wurde in das Gefängnis nach La Paz gebracht, wurde jetzt in den letzten Tagen allerdings schwer verletzt und ist an den Folgen verstorben. Die Polizei hat insgesamt 20 Schwerkriminelle Bandenbosse in Hochsicherheitsgefängnisse versetz. Es wurden viele Waffen, sowie auch Kiloweise Marihuana und Kokain sichergestellt. Seit diesem Tag hat die Polizei wieder mehr Kontrolle über die Gefangenen.

 

http://www.la-razon.com/nacional/seguridad_nacional/Palmasola-carcel-Policia-control-Gobierno-poder_0_2896510360.html

 

Am Anfang stand ich der Kampagne kritisch gegenüber: Warum Menschen eine Brille schenken, die einen kriminellen Delikt begangen haben und nicht lieber denen, die ruhig auf dem Campo (Land) leben, aber genauso eine Brille brauchen.

Doch musste ich mir wieder vor Augen führen, dass die Insassen des Gefängnisses genau so Menschen sind, wie andere auch. Nur war ich beeindruckt, wie viel dankbarer die Menschen waren im Durchschnitt. Ich glaube nirgends werden unsere Brillen tatsächlich so sehr getragen wie dort. Einige Insassen sind seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten dadrin und haben keinen Zugang zu Brillen.

Zum Beispiel hatte ich einen Patienten, der sogar noch seine Werte vom Augenarzt hatte: esf: -14,00 in beiden Augen; cil: -2,0 im einen Auge.

Seine Brille ist ihm vor 2 Jahren kaputt gegangen, das eine Brillenglas war komplett herausgefallen und das andere war nur noch zu 50% erhalten. Ich habe ihn gefragt, wie er sich denn ohne Brille fortbewegen kann. Die Antwort war: Immer ganz langsam und auf den Boden guckend. Ich konnte ihm ja nur esf: -10,0 geben, doch damit konnte wieder alles sehen, meinte er.

 

Ich persönlich habe mich noch nie so sicher gefühlt, denn wir hatten eine Bewachungstruppe von circa 20 Insassen, welche uns alle bis aufs äußerste verteidigt hätten im Fall eines Übergriffes. Im Gefängnis gibt es eine Gruppe Bewacher/Wächter, welche zwar auch Insassen sind, jedoch einen Vertrag haben, im Gefängnis für Ordnung und Frieden zu sorgen. Diese haben auch ein Schild um den Hals hängen wo dies drauf steht. Im Falle einer Auseinandersetzung gehen diese Bewacher dazwischen, egal wie gefährlich die Situation ist. Sie sorgen dafür, dass es im Gefängnis ruhiger und sicherer zugeht. Doch es hieß trotzdem, dass es abends, wenn die Insassen anfangen Drogen zu nehmen, immer wieder brenzlich wird. Doch auf uns haben sie super aufgepasst. Nirgends sind wir ohne Bewachung hingegangen. Sogar bis vor die Klotür wurden wir von 1-2 Bewachern begleitet. In der Kirche, in der die Kampagne stattfand waren zu jeder Zeit mehr als 10 Wächter Vorort. Manche Bewacher haben immer Schlagstöcke dabei gehabt, nur für den Fall meinten sie.
Von den Bewachern wurden wir dann Mittags zum Essen in ein Restaurant (innerhalb des Gefängnisses) eingeladen, auch gut abgesichert durch ausreichend Sicherheitskräfte. Danach gab es eine kleine Stadtführung und es gibt tatsächlich alles, was in ein Dorf gehört: Restaurants, kleine Einkaufsläden, Tattoostudios, Werkstätte, 9 Kirchen, eine Universität, 2 Fußballfelder, Coca-tiendas, Friseure und vieles mehr. Die Häuser sind sehr bunt, jedoch erinnert das „Stadtbild“ eher an Slums. Abfluss in den unbefestigten Straßen, Leute schlafen draußen, wenn sie nicht genügend Geld haben um sich ein Schlafplatz zu erkaufen. Die Insassen müssen für ihre Schlafplätze sowie für das Essen bezahlen und das Geld, welches sie vom Staat bekommen (es hieß circa 2 Euro pro Tag) reicht niemals aus. Daher sieht man morgens noch viele Personen die in den Straßen schlafen. Man ist also komplett davon abhängig, was die Familie außerhalb Palmasolas einem bringt. Die Schere zwischen Arm und Reich wird hier so richtig deutlich. Einige haben ein Einzelzimmer sogar manche mit einem Fernseher, andere schlafen auf den verdreckten Gängen oder in überfüllten, stinkenden Schlafsälen. Ich weiß nicht genau wie viele Menschen in einem Schlafsaal schlafen, aber den ich gesehen habe, da passen bestimmt so 70 Personen rein.

 

Das Leben dort muss schrecklich sein, denn Kämpfe, Bedrohungen und Raub können auch durch die Wächter kaum verhindert werden. Du musst also eigentlich immer Angst um deine Sachen haben. Abends, wenn einige Insassen auf Drogen sind, muss man wohl immer den Blick gesengt haben und bloß niemanden aus Versehen anrempeln. Denn es ist wohl sehr leicht sie zu provozieren. Morgens sind alle entspannt und glücklich hieß es.

 

Generell hatte ich nicht den Eindruck bei Kriminellen zu sein (bei den Frauen schon eher, gerade die Drogendealerinnen sind klar aufgefallen). Doch bei den Männern überhaupt nicht. Die Männer haben dich als Person viel eher respektiert, als die Frauen. Wenn du den Frauen gesagt hast: Nein es gibt nur eine und nicht zwei Brillen, wurde verbal bis zum bitteren Ende gekämpft. Bei den Männern war es tatsächlich immer so, dass sie meinten, nein klar, kann ich verstehen, gar kein Problem, ich bin schon dankbar für die eine Brille (oder etwas in der Art). Ich konnte mir bei vielen Männern auch nicht vorstellen was die wohl verbrochen haben sollen, so nett wie die waren, aber ich wollte auch nicht nachfragen.
Im Endeffekt ist es während der Messung besser, wenn du nicht weißt, wofür sie verknackt wurden. Denn zum Beispiel hatte ich einen alten Mann (82 Jahre alt), total nett, wir haben uns gut unterhalten und auch ein wenig zusammen gelacht. Er war total zufrieden mit seiner Brille, hat sich 100 Mal bedankt und danach erzählte mir die Rechtsanwältin die uns immer begleitet hat, dass er wegen Mordes zu 30 Jahren verurteilt wurde. Hätte ich das im Vorhinein gewusst, hätte ich diesen Mann ganz anders behandelt.

 

Doch einige haben auch von sich aus erzählt, warum sie drinsitzen. Die meisten (von den ich das mitbekommen habe) wegen Raub. (Offiziell ist glaube ich die höchste Anzahl an Delikten: Drogen). Aber andere sitzen auch zu unrecht im Gefängnis und das muss das schlimmste sein (wenn man davon ausgeht, dass sie die Wahrheit erzählen). Einer meiner Patienten war aus politischen Gründen im Gefängnis. Ich habe leider nicht genau verstanden, was er gemacht hat.

 

Insgesamt waren die Patienten so unglaublich lieb zu uns, immer wieder hieß es, was es für ein Segen gewesen sei, dass wir gekommen sind: „Que dios les benidga“ (Dass Gott sie beschütze). Wir konnten tatsächlich den Menschen dazu verhelfen, wieder besser zu sehen und diesmal war die Quote der richtig glücklichen Menschen um einiges höher als die Quote in Dörfern und in Städten. Denn dort heißt es oft: gibt es nicht auch noch ein anderes Modell (auch bei gratis Kampagnen). Im Gegensatz dazu, hat mich das kein einziger Insasse gefragt. Alle waren einfach nur glücklich mit dem was es gab.